Hans Huyssen: Unterschiede - europäische und afrikanische Musik
'afrikanische' Stücke:

Amadinda -
Prelude and Fugue

Audite Africam!

Beer Song

Kleines Weltportrait

'The cattle have
gone astray'

Ugubu

Silence where a song would ring

Whistling Song

Synopsis einiger struktureller Unterschiede zwischen europäischer und afrikanischer Musik

Primäres Merkmal (neuzeitlicher) europäischer Musik ist sicherlich die Harmonik. In afrikanischer Musik dagegen (alt wie neu) spielt der Rhythmus die wichtigste Rolle. Form, Dramaturgie, Spannungsverläufe und der Grad der Komplexität der Musik werden also jeweils von diesem bestimmenden Faktor geprägt, naturgemäß mit völlig verchiedenen Resultaten.

Die europäische Harmonik ermöglicht eine lineare, zielgerichtete Entwicklung, z.B. das Erreichen und Verlassen bestimmter Tonarten, harmonischer Verdichtungen, Entspannungen, Wendungen etc. - alles Mittel die verfließende Zeit nicht nur zu chronologisch zu gliedern, sondern qualitativ zu gestalten, indem ihr eine Tiefe gegeben wird. Afrikanische Musik-Formen dagegen beruhen auf einem zyklischen Zeitverständnis, und arbeiten mit der Wiederholung stets gleicher rhythmischer Muster. Diese werden jedoch ständig leicht variiert und häufig zeitversetzt wieder miteinander kombiniert, sodaß sich ggf. äußerst komplexe rhythmische Verflechtungen, Korrelationsrhythmen (erst aus der Kombination verschiedener 'patterns' wahrzunehmende Rhythmen), Scheinschwerpunkte (ähnlich optischer Täuschungen bei komplexen grafischen Rastern), und andere, in westlicher Musik kaum beachtete Phänomene einstellen.

Der unterschiedlicheUmgang mit der musikalischen Zeit ist eine äußerst anschauliche wie aufschlußreiche Darstellung über die grundverschiedene Auffassung dieses Phänomens in beiden Kulturkreisen:
Der abstrakte Begriff Zukunft, der Europa so entscheidende geprägt hat (ohne den es keine religiöse Eschatologie, nicht die Auffassung von geschichtlicher Entwicklung und Veränderung, nicht den Fortschrittsglauben, technische Innovationen, das Streben nach Verbesserung und vorausschauender Planung gäbe) existiert in afrikanischen Sprachen nicht! Wohl gibt es unzählige sehr differenzierte Bezeichnungen für unmittelbar bevorstehende Zeitabschnitte (zB. jetzt gleich, morgen, nächste Woche), oft auch in Verbindung mit einem bestimmten Ereignis (bei der nächsten Ernte, wenn der Regen wiederkommt), nicht aber den abstrakten Begriff einer noch nicht dagewesenen, nicht ausgefüllten Zeit. Entscheidend ist der gelebte Moment der Gegenwart, und es ist ein außerordentlicher Verdienst afrikanischer Musik, dieser Lebenshaltung einen so plastischen und unmittelbaren musikalischen Ausdruck verliehen zu haben.

Auch die Erfindung von Taktstrichen hat mit der linearen Zeit zu tun: es ist die in die Zukunft projezierte geltend' Einteilung der Zeit, das Festlegen eines Metrums. Europäischer Rhythmus ist divisiv: um eine rhythmische Figur auszuführen, orientiert sich der Musiker hier am übergeordneten Metrum, das er dann auf bestimmte Weise unterteilt.
Afrikanische Musik entsteht aus additiven Rhythmen. Genau umgekehrt, folgen die Spieler hier dem kleinsten Puls. Das Metrum leitet sich aus dem Puls bzw. den aneinandergereihten rhythmischen Figuren ab. Dadurch besteht eine viel engere Verbindung zwischen der einzelnen rhythmischen Figur und dem Puls. Eigentlich benötigt man diese Unterscheidung gar nicht mehr. Denn der Puls kann sich ohne die Errichtung einer neuen übergeordneten Hierarchie von Schwerpunkten (sprich: eines Taktwechsels) ganz leicht verändern oder verschieben, wenn dies die Figuren tun, oder er kann von einer Gruppe von Figuren weitergeführt werden, während eine andere Gruppe einen neuen aufstellt. Es bleibt dann dem Moment überlassen, ob diese Ambivalenz beibehalten, weiterhin verändert, oder auch wieder zugunsten einer eindeutigen Orientierung aufgegeben wird. Häufige Wechsel zwischen Zweier- und Dreiergruppen, die meist zu gewissen rhythmischen Verschachtelung führt (und damit zu unvorhersehbarem musikalischem Erleben!) sind in afrikanischer Musik weit verbreitet und ein probates Mittel für die Monotonie auf harmonischer Ebene zu kompensieren.


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