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Zeitverlust (oder "Piece on a Poem")für Cello Solo
Hans Günter Saul "Zeitverlust" oder "Piece on a Poem" ist, wie der Untertitel schon sagt, Musik über einen Text, wenn man so will eine Vertonung ohne Worte. Dabei bestimmt die Form des Gedichts geradezu wörtlich die der Musik: analog zu den drei Versen gibt es drei Sätze deren Gestus sich ebenfalls sehr konkret auf den jeweiligen Inhalt und ein bestimmtes Stichwort bezieht - "Wind", "Leere", "Sterne". Jedes dieser Worte oder Bilder bietet äußerst vielfältige und reizvolle Möglichkeiten zu musikalischer Ausdeutung; diese werden selbstverständlich kompositorisch aufgegriffen, allerdings nicht auf illustrative, wohl aber auf assoziative Weise. Der Unterschied besteht wohl darin, daß ersteres eher auf die Verwendung außermusikalischer Mittel und Effekte zielt, während das andere eine innere Verwandtschaft herzustellen versucht, mit immanent musikalischen Mitteln. Das Flatterhafte, Unbeständige, stets Fortgerissene im 1. Satz ist also keine Darstellung des Windes, sondern ein ebensogut schon für sich bestehender musikalischer Zustand. Sollte sich jedoch durch die textliche Assoziation eine weitere Bedeutungsebene erschließen, so ist dagegen nichts einzuwenden, vor allem dann nicht, wenn sich möglicherweise dadurch überhaupt erst einmal einen Zugang zu der oft als unverständlich abgetanen Neuen Musik eröffnen sollte. Freilich sollte so eine Bilderwelt nicht überstrapaziert werden, oder gar die musikalischen Strukturen ersetzen wollen. Jedoch sind Assoziation üblicherweise keine eigentlichen "Erklärungen", sondern weisen, einfach indem sie sich einstellen, darauf hin, daß das vermeintlich unentwirrbare andernorts eigentlich durchaus schon bekannt und auch begreiflich war. Und eben auch darauf, daß Musik nie als isoliertes Phänomen zu betrachten oder zu rezipieren sei... Weiters bergen sie in sich die unendlichste Vielfalt an Spielarten von Verschachtelungen, Verknüpfungen, Wechselbeziehungen etc.: Im 2. Satz betrifft das assoziative Element nicht nur Gestus und Affekt (offensichtlich in den langen Noten und großen Pausen), sondern auch die Form: sieben in einander übergehende Variationen stehen symbolhaft für den Kreislauf der Tage, Inbegriff der werdenden ("wachsenden") geschichtlichen Zeit. Im 3. Satz erscheint es weiters in Form eines direkten Zitats - bezugnehmend auf einen besonderen Stern (und gleichzeitig eine Sternstunde der abendländischen Musikgeschichte)... Es läßt sich absehen, daß die assoziativen Möglichkeiten der Neuen Musik - gerade auch in Bezug auf ihre latente Krise - ein äußerst wichtiger Bestandteil ihrer Ausdrucksmittel werden könnten. Denn den Innovationsanspruch (den selbstverständlich jede neue Kunst immer wieder für ihre Aussagen geltend machen muß) aber auch heutzutage noch für die Musik weiterhin an materialtechnischen Aspekten festzumachen, ist - gerade in den alleravantgardistischsten Werken, dort also, wo er am ehesten gelten sollte! - äußerst problematisch geworden. Mit der ständig steigenden strukturellen Komplexität geht inzwischen eine Nivellierung des überhaupt noch Wahrnehmbaren, Herauszuhörenden einher, deren Wirkung beim besten Willen nicht als "neu" oder irgentwie aufregend bezeichnet werden kann. Dahingegen dürfte die in den verschiedensten Formen mögliche Integration von musikalischem und assoziativen Denken und folglich das Aufzeigen und Knüpfen neuer, sinnvoller Zusammenhänge ein noch auf lange Sicht nicht leicht zu erschöpfendes Thema sein. Und noch dazu ein wichtiges, weil Musik vielleicht enger wieder mit dem übrigen Leben in Beziehung gebracht würde. Auch, weil in der zunehmend als vernetzt verstandenen Welt wechselnde Assoziationen höchst faszinierender und wichtiger Bestandteil des allgemeinen Bewußtseins geworden sind. Dies alles sei vor dem Hintergrund gesagt, daß uns ja inzwischen das sämtliche Material aus dem Steinbruch der Avantgarde zur Verfügung steht. Es kann also nicht genügen, dieses weiterhin einfach zu präsentieren, als sei schon der bloße Fund eine Errungenschaft, sondern immer dringender wird die Frage, was denn nun damit gesagt werden soll?! Es versteht sich von selbst, daß - bei allem vorher erwähnten - das assoziative Arbeiten und Denken immer nur ein Aspekt unter vielen anderen ist. Assoziationen können Verbindungen höchstens aufzeigen oder andeuten. Aber zu begreifen ist Musik letztlich nur aus sich selbst heraus. So kann also das Stück selbstverständlich auch ohne das Gedicht gehört werden. Jedoch nimmt es daraus noch eine weitere Anleihe, die aber direkt musikalisch umgesetzt wird: jene schon in den drei Versen angedeuteten drei verschiedenen Zeitformen. Auch sie fließen in die jeweiligen Sätze ein: im 1. die enteilende, schwindende, uns verloren gehende Zeit, im 2. eine fast stillstehende, deshalb leer anmutende und im 3. eine (wie aus einer Synthese der beiden vorigen und durch die Motorik angedeutete) "zeitlose", ewige Zeit, aus der heraus sich dann aber doch wieder einzelne Geschehnisse ereignen (zB. das Ansiedeln der Sterne, durch ein entsprechendes Choralzitat symbolisiert...). Durch diesen bewußten Umgang mit Zeitformen bekommt das Stück, ein erzählerisches Element; es will - wie in einer weit ausholenden Geschichte - mit dem Durchschreiten der verschiedenen Zeiträume ein großer Bogen spannen, eine weiten Abstand zwischen Anfang und Ende zurücklegen. |